Von Dr Michael Flower Übersetzt von Rebecca Bearbeitet von Dr Ed Wild

Die juvenile Form der Huntington-Krankheit ist wirklich selten, aber eine neue Studie trägt zum Verständnis ihrer Symptome und des Krankheitsverlaufes bei. Diese wichtigen Erkenntnisse sollen dabei helfen, herauszufinden, ob Huntingtin-Verminderung oder andere Behandlungsansätze auch bei Kindern funktionieren könnten.

Was ist die juvenile Form der Huntington-Krankheit?

Wenn sich vor dem Lebensalter von 20 Jahren bereits Symptome der Huntington-Krankheit zeigen, spricht man von der “juvenilen Form”.

Diese neuen Einblicke in die Auswirkungen der Huntington-Krankheit bei jungen Menschen werden helfen auch dieser wichtigen und oft vergessenen Gruppe von Betroffenen, die Aussicht auf Medikamente zu ermöglichen
Diese neuen Einblicke in die Auswirkungen der Huntington-Krankheit bei jungen Menschen werden helfen auch dieser wichtigen und oft vergessenen Gruppe von Betroffenen, die Aussicht auf Medikamente zu ermöglichen

Kurz nachdem das Huntington-Gen identifiziert wurde, stellten Wissenschaftler auch einen starken zusammenhang zwischen dem Alter beim Ausbruch der Krankheit und der Länge der annormalen DNA-Sequenz fest.

Die DNA besteht aus Milliarden von A-, T-, C- und G-“Buchstaben”. Im Gen, das die Huntington-Krankheit verursacht, wird über eine bestimmte Strecke die Abfolge “CAG” wieder und wieder aneinandergereiht. Während es viele Ausnahmen gibt, gilt der allgemeine Zusammenhang, je mehr CAG-Wiederholungen vorhanden sind, desto früher zeigen sich die Symptome.

Etwa einer von 20 Huntington-Patienten hat eine Anzahl von Wiederholungen von 60 oder mehr. Solch hohe Anzahlen verursachen meistens einen Ausbruch der Krankheit vor dem zwanzigsten Lebensjahr. Die juvenile Form der Huntington-Krankheit ist also eine seltene Form einer seltenen Erkrankung, wodurch es für Neurologen unwahrscheinlich wird, mehr als einen Betroffenen in ihrer gesamten Laufbahn zu sehen.

Da sie so selten ist, wissen wir viel weniger über sie als über die im erwachsenen Alter einsetzende Huntington-Krankheit. Das bisherige Wissen stammt von wenigen Neurologen, die einige Fälle untersucht haben. Von diesen Ärzten stammt die klassische Beschreibung der Symptome wie Steifheit, Langsamkeit, Lernschwierigkeiten und relativ häufig Epilepsie. Sie unterscheiden sich also von den meist sichtbaren, ungewollten Bewegungen (Chorea) bei der später einsetzenden Form.

Was gibt es Neues?

Dr. Fernando Squitieri aus Foggia, Italien, glaubt zurecht, dass Familien, die von der juvenilen Form der Huntington-Krankheit betroffen sind, “genauso das Recht haben, angehört zu werden wie betroffene Erwachsene”. Sein Team hat gerade die größte und detaillierteste Studie zu dieser Form der Krankheit koordiniert, die es bisher gibt. In den Beobachtungsstudien namens REGISTRY und ENROLL-HD, bei denen bereits tausende Betroffene teilgenommen haben, fanden sie 36 Fälle, bei denen die Symptome vor dem 20. Lebensjahr anfingen und von denen über mehrere Jahre hinweg klinische Daten erfasst wurden. Diese verglichen sie mit 511 Erwachsenen aus der gleichen Studie, um herauszufinden, inwiefern die juvenile Form sich von deren Krankheitsbild unterscheidet.

Familien, die von der juvenilen Form der Huntington-Krankheit betroffen sind, “haben genauso das Recht angehört zu werden wie betroffene Erwachsene” - Fernando Squitieri

Eine Frage, auf die sie sich konzentrierten, war, ob die juvenile Huntington-Krankheit in allen Fällen ähnlich verläuft oder evtl. aufgrund der Anzahl der CAG-Wiederholungen abweicht. Sie entschieden sich dazu, die Betroffenen mit der juvenilen Form in zwei Gruppen einzuteilen: diejenigen mit bis zu 80 CAG-Wiederholungen und diejenigen mit mehr als 80.

Bei den Erwachsenen begannen die Symptome ab einem durchschnittlichen Alter von 44 Jahren, wobei das Durschnittsalter bei Kindern mit bis zu 80 CAG-Wiederholungen laut der Studie bei 17 lag und solche mit mehr als 80 Wiederholungen bereits ab 4 Jahren Symptome zeigten.

Handelt es sich um zwei Arten der juvenilen Form?

Bei noch näherer Betrachtung der beiden Gruppen innerhalb der Betroffenen mit der juvenilen Form der Huntington-Krankheit, zeigten die Kinder und Jugendlichen mit bis zu 80 CAG-Wiederholungen als erstes Symptom Ungeschicklickkeit, danach kamen ungewollte Bewegungen und Zwangsstörungen.

Bei Kindern mit über 80 Wiederholungen war hingegen die ersten Symptome meist Schwierigkeiten beim Gehen gefolgt von Verzögerungen bei der Lernfähigkeit und Epilepsie.

Fast alle Kinder entwickelten Steifheiten und verlangsamte Bewegungen, etwa ein Zehntel von ihnen hatte Gleichgewichtsstörungen.

Ob man verschiedene "Unterformen" daraus macht, oder sie als Ganzes betrachtet, fest steht, dass die juvenile Form der Huntington-Krankheit ein breites Spektrum aufweist
Ob man verschiedene “Unterformen” daraus macht, oder sie als Ganzes betrachtet, fest steht, dass die juvenile Form der Huntington-Krankheit ein breites Spektrum aufweist

Die Erkrankung der Kinder zeigte ein etwa doppelt so schnelles Fortschreiten wie die der Erwachsenen. Sie verstarben nach etwa der Hälfte der Dauer, die bei Erwachsenen beobachtet wird. Bei Kindern mit mehr als 80 Wiederholungen betrug die Dauer vom Ausbruch bis zum Versterben nur etwa ein Fünftel. Von diesen Kindern wurden auch MRTs aufgenommen, die ein Schrumpfen im zentralen Gehirnbereich offenbarten, genau wie es beim Ausbruch der Krankheit im Erwachsenen Alter der Fall ist. Allerdings wurden keine Veränderungen in anderen Hirnregionen, beispielsweise in der Hirnrinde beobachtet, die bei Erwachsenen durchaus angegriffen wird.

Von den Betroffenen mit bis zu 80 Wiederholungen wurden keine MRTs betrachtet, daher verrät die Studie nichts über sie.

Basierend auf ihren Auswertungen nimmt Dr. Squitieri’s Team an, dass es in Wirklichkeit drei verschiedene Arten der Huntington-Krankheit gibt. Erstens, die häufigere Form, die erst im erwachsenen Alter sichtbar wird. Zweitens, bei Betroffenen mit etwa 60 bis 80 Wiederholungen, die juvenile Form, die sich im Teenageralter mit Tollpatschigkeit, Bewegungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten zeigt. Und zuletzt die Form, die der Gruppe mit mehr als 80 Wiederholungen beobachtet wurde, die mit etwa 4 Jahren Schwierigkeiten beim Gehen und Lernen und Epilepsie hervorruft. Squitieri und seine Gruppe bezeichnen diese Form als aggressiv.

Ein Spektrum?

Auch wenn es möglich ist, dass es zwei Arten der juvenilen Form der Huntington-Krankheit gibt, die sich von einander stark unterscheiden, ist es eigentlich ziemlich unwahrscheinlich, dass ab 80 CAG-Wiederholungen plötzlich eine solch gravierende Veränderung auftritt. Man bedenke, dass die Unterteilung der Gruppen genau bei dieser Anzahl von Wiederholungen vor der Auswertung von den Wissenschaftlern vorgenommen wurde. Verglichen mit allem was wir wissen, ist es nicht überraschend, dass wenigen Betroffenen mit der äußerst hohen Anzahl sich von der anderen Gruppe unterscheiden.

Was wir also basierend auf unseren bisherigen Kenntnissen wahrscheinlicher finden, ist eine Art Spektrum, das mit der aggressiven Form mit ihrem sehr frühen Ausbruch beginnt und sich hin zu einem Ausbruch im jugendlichen Alter und den hier auftretenden Symptomen erstreckt.

Für die verschiedenen Huntingtin-Verminderungsprogramme, die gerade starten, kommt diese Forschung genau zur richtigen Zeit.

Das gleiche kann dann für alle Ausprägungen der Huntington-Krankheit, also auch bei Ausbruch im erwachsenen Alter gesagt werden: man könnte die juvenile Form und die erwachsene Form wohl auch zu einem einzigen Spektrum verbinden.

Jedoch hat es sich unabhängig davon, ob man scharfe Grenzen zieht oder sich ein Spektrum vorstellt, bestätigt, dass eine höhere Anzahl von CAG-Wiederholungen mit einem früheren Ausbruch und mit einem aggressiveren Verlauf einher geht.

Wie hilft uns das weiter?

Es handelt sich hier um einige der wertvollsten Erkenntnisse über die juvenile Formm der Huntington-Krankheit. Diese werden von unmittelbarem Nutzen für praktizierende Ärzte sein, die diese jungen Patienten behandeln und auch für die Eltern, für die es oft so schwer ist, einen Experten zu finden, der die individuellen Herausforderungen ihres Kindes verstehen kann.

Schaut man in die nicht allzu ferne Zukunft, sollten diese Erkenntnisse ganz erheblich dabei helfen, neue Medikamente für die Betroffenen so schnell wie möglich zur Verfügung zu stellen. Dabei sind auch die aktuell in der Forschung befindlichen Wirkstoffe, die die Produktion des Huntingtins vermindern, mit eingeschlossen. Bei der Durchführung von Medikamentenstudien Entscheidungen zum Zeitpunkt oder der Dosis des Mittels zu finden, wird genau durch solche Studien ermöglicht. Für die verschiedenen Huntingtin-Verminderungsprogramme, die gerade starten, kommt diese Forschung genau zur richtigen Zeit.

Gerade den Familien, die von der juvenilen Form der Krankheit betroffen sind, so schnell wie möglich zu helfen, steht ganz oben auf der Prioritätenliste der Medikamentenforscher, mit denen wir bisher sprachen. Dabei ergeben sich große Herausforderungen, wie das Risiko, dass ein Medikament das Leben eines jungen Patienten sogar noch schwieriger machen könnten, falls es ungewollte Schäden im Gehirn anrichtet.

Es ist also eine große Hilfe zu verstehen, wie sich die juvenile Form äußert und wie sie sich auf das Gehirn auswirkt. Eine Hilfe bei der dringenden Mission jungen Menschen und ihren Familien eine wirksame Behandlung an die Hand zu geben.

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte offenzulegen. Weitere Informationen zu unserer Offenlegungsrichtlinie finden Sie in unseren FAQ ...