Neuigkeiten aus der Huntington-Forschung. In einfacher Sprache. Von Wissenschaftlern geschrieben Für die Huntington-Gemeinschaft weltweit.

Sind Sie auf der Suche nach unserem Logo? Auf Teilen können Sie unser Logo sowie Informationen über die Nutzung herunterladen.

Die Wahrheit vernebeln: Kann Cannabis die Huntington-Krankheit bekämpfen?

3

Was können uns persönliche Erfahrungen mit Cannabis über die Huntington-Krankheit beibringen?

Von Dr Michael Flower am 2. April 2017Bearbeitet von Dr Ed Wild; Übersetzt von RebeccaUrsprünglich veröffentlicht am 24. Februar 2017

Cannabis bzw. medizinisches Marihuana wird immer wieder als Heilmittel für alle möglichen Beschwerden angepriesen. Die Huntington Krankheit stellt da keine Ausnahme dar. Und wannimmer solche Meldungen erscheinen, stoßen sie auf ein großes Interesse. So stand Cannabis auch kürzlich wieder im Rampenlicht, denn es wurden Videos verbreitet, die behaupteten, es könne die Zellschäden während des Verlaufs der Huntington Krankheit rückgängig machen.

Was ist Cannabis?

Es handelt sich um eine Pflanze, die ursprünglich aus Indien und Teilen Asiens stammt. Sie ist seit tausenden von Jahren für ihre Wirkungen auf das menschliche Gehirn bekannt. Viele Kulturen haben gelernt, sie medizinisch oder zur Erholung zu nutzen. Man bezeichnet sie als “psychoaktiv”, das Bedeutet ihre Anwendung - zum Beispiel durch das Rauchen der Blätter - führt zu veränderten Sinneswahrnehmungen. Charakteristisch sind Entspannungszustände und Euphorie, aber es können auch Angst und Paranoia ausgelöst werden.

Ob in synthetischer oder natürlicher Form: es gibt keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass Cannabis Personen mit der Huntington-Krankheit hilft
Ob in synthetischer oder natürlicher Form: es gibt keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass Cannabis Personen mit der Huntington-Krankheit hilft

Erst in den 1940er Jahren wurden die aktiven Bestandteile der Pflanze identifiziert: ölige, chemische Stoffe namens Cannabinoide. Auch andere Pflanze stellen diese Stoffe her, wie bestimmte Kräutertees, Trüffel oder auch Kakao.

Wie es wirkt

In den späten 1980er Jahren entdeckte man, dass Menschen winzige Sensoren, genannt Rezeptoren, für diese Cannabinoide auf den Zelloberflächen haben. Es gibt zwei Haupttypen: CB1 und CB2. Die meisten CB1 Rezeptoren befinden sich im Gehirn und im Rückenmark. Das sind diejenigen, von denen man annimmt, dass sie die psychoaktiven Wirkungen erzeugen. Diese Rezeptoren beeinflussen nämlich wie aktiv unsere Nervenzellen sind, sie kontrollieren beispielsweise wie stark eine Person Schmerzen empfindet. Dahingegen befinden sich CB2 Rezeptoren auf Immunzellen, die in unserem Blutkreislauf zirkulieren. Sie anzuregen kann mitunter entzündungshemmend wirken. Normalerweise befinden sich also im Gehirn sehr wenige CB1 Rezeptoren und wenn, dann befinden sie sich auf Immunzellen.

Als die Sensoren für Cannabis im menschlichen Körper gefunden waren, gab es die logische Schlussfolgerung, dass auch Menschen Cannabinoide erzeugen. Und tatsächlich, das erste davon wurde in den frühen 1990er Jahren gefunden und kurz danach folgten weitere. Nervenzellen nutzen sie als eine Möglichkeit ihr eigene Aktivität zu regulieren. Im Normalfall gibt eine Nervenzelle Informationen an eine andere weiter, indem ein Neurotransmitter ausgesandt wird. Cannabinoide ermöglichen der Empfängernervenzelle eine Art Abwehrnachricht zu schicken und der Senderzelle damit mitzuteilen, sie solle sich beruhigen.

Als “Cannabinoide” bezeichnen wir alle chemischen Stoffe, die Cannabinoidrezeptoren anregen. Diejenigen, die von Pflanzen hergestellt werden, nennen sich Phytocannabinoide. “Phyto” ist das griechische Wort für Pflanze. Diejenigen, die der menschliche Körper herstellt, nennen sich Endocannabinoide, abgeleitet von dem griechischen Wort für “innen”. Weiterhin ist es möglich, chemische Stoffe künstlich zu erzeugen, die die Rezeptoren anregen. Solche Stoffe werden als synthetische Cannabinoide bezeichnet.

Die unterschiedlichen Cannabinoide haben stärkere und schwächere Auswirkungen auf die Rezeptoren und können daher verschiedenste Effekte auf unseren Körper haben. Wenn sie in den Körper aufgenommen werden, werden sie zunächst in der Leber aufgespalten. Manche können sich auch im Fettgewebe ablagern, zusammen mit den Abbauprodukten aus der Leber. Diese können noch Wochen nach der Aufnahme im Blut bei Drogentests gemessen werden.

Durch professionelle, klinische Studien, können Wissenschaftler beweisen, ob ein mögliches Medikament wirksam und sicher ist. Nach diesem Standard wird jede Medizin überprüft und das sollte auch für Cannabinoide nicht anders sein.

Die Cannabispflanze enthält 100 unterschiedliche Cannabinoide, aber das am stärksten psychoaktive ist Tetrahydrocannabinol, auch bekannt als THC, das in heftiger Weise CB1 Rezeptoren anregt. Das zweite Haupt-Cannabinoid ist Cannabidiol (CBD. Es ist nicht psychoaktiv. Tatsächlich verringert es die Anregung der CB1 und CB2 Rezeptoren.

Cannabinoide können aus Pflanzen extrahiert und aufgereinigt werden. Verschiedene Teile der Pflanze werden dazu für verschiedene Zwecke hergenommen, denn jeder Teil enthält unterschiedliche Zusammensetzungen der Cannabinoide. Hanffasern zum Beispiel sind ein strapazierfähiger Ausgangstoff für Papier oder Textilien und enthalten wenig psychoaktives THC. Cannabis Pflanzen, die zum Rauchen verwendet werden, haben meist einen hohen THC Gehalt. Cannabis ist an vielen Orten illegal, an anderen Orten wiederum legal für den medizinischen oder auch für den Alltagsgebrauch. Wissenschaftliche Studien untersuchen seinen möglichen Nutzen für Menschen mit der Huntington Krankheit.

Können Cannabinoide die Beschwerden der Huntington-Krankheit lindern?

Wissenschaftler auf der ganzen Welt untersuchen die Auswirkungen auf die Huntington-Krankheit. Der größte Teil der Forschung hat bisher an Zellen im Labor stattgefunden oder an Mäusen, die mit dem Huntington-Gen versehen wurden. Manche Untersuchungen legen nahe, dass CB1-anregende Stoffe die Zellen gegen Giftstoffe schützen könnten. In den Gehirnen von Huntington-Mäusen wurde beobachtet, dass die Anzahl der CB1-Rezeptoren abnehmen und die der CB2-Rezeptoren zunehmen. Der Verlust von CB1-Rezeptoren könnte manche Symptome der Krankheit mitverursachen, da Huntington-Mäuse mit einem Mangel an CB1-Rezeptoren dazu tendieren, ihre Bewegungen schlechter kontrollieren zu können. Die Zunahme an CB2-Rezeptoren könnte eine Reakion des Körpers auf die Huntington-Krankheit sein. Diese Theorie wird durch Forschungsergebnisse unterstützt, die zeigen, dass Mäuse, die mit CB2-anregenden Stoffen behandelt wurden, weniger Nervenzelltod zeigen - möglicherweise, weil das Immunsystem des Gehirns beruhigt wird.

Diese Ergebnisse in Zellkulturen und Tieren sind ermutigend, aber Menschen sind viel komplizierter. Aus bitteren Erfahrungen haben wir gelernt, dass Ergebnisse sehr of inkonsistent oder sogar komplett anders ausfallen können, wenn die Therapien auf die Anwendung für den Menschen hochskaliert werden. Leider haben sich bisher keine der Cannabinoide als Heilmittel gegen die Huntington-Krankheit herausgestellt. Mehrere klinische Studien mit Cannabis-Extrakten oder synthetischen Cannabinoiden konnten nicht die abnormalen Bewegungen, wie die Chorea, reduzieren oder den Verlauf der Krankheit beeinflussen.

“Aber dieses Video im Internet zeigt, dass Cannabis gegen die Huntington-Krankheit hilft!”

Wissenschaftliche Studien, die "blind" und Placebo-kontrolliert durchgeführt werden, sind der Weg, um zu bestimmen, ob ein Medikament tatsächlich wirkt.
Wissenschaftliche Studien, die “blind” und Placebo-kontrolliert durchgeführt werden, sind der Weg, um zu bestimmen, ob ein Medikament tatsächlich wirkt.

Wenn man im Internet sucht, findet man einige Videos und Geschichten, die behaupten, dass an der Huntington-Krankheit erkrankte Personen durch Cannabis geheilt werden konnten. Und wir freuen uns natürlich, wenn diese Menschen etwas gefunden haben, das für sie wirkt.

Aber leider sind diese persönlichen Geschichten keine wissenschaftlichen Beweise. Auf Grundlage dieser kurzen Ausschnitte ist es unmöglich zu sagen, ob es insgesamt wirklich eine Besserung gab. Die Symptome der Huntington Krankheit weichen natürlich von Person zu Person stark voneinander ab und werden von vielen Faktoren, wie beispielsweise durch Schlaf oder Entzündungen, beeinflusst. Wir wissen nichts über die Gene der betroffenen Personen, das Stadium ihrer Krankheit oder Medikamente, die sie evtl. zusätzlich nehmen. Wir müssen auch daran denken, dass es einen sehr mächtigen Placeboeffekt geben kann. Dieser führt dazu, dass ein bedeutender Anteil an Patienten sich besser fühlen kann, weil diese Menschen so stark an die Wirkung eines Mittels glauben und nicht aus dem Grund, dass das Mittel tatsächlich wirksame Eigenschaften aufweist. Es gibt auch einen starken Hang der Mainstream- und sozialen Medien, solche Erfolgsgeschichten zu veröffentlichen, jedoch verbreitet niemand die Geschichten all der Menschen, die Cannabis ausprobiert haben und sich danach nicht besser oder vielleicht sogar schlechter gefühlt haben.

Durch professionelle, klinische Studien, können Wissenschaftler beweisen, ob ein mögliches Medikament wirksam und sicher ist. Nach diesem Standard wird jede Medizin überprüft und das sollte auch für Cannabinoide nicht anders sein.

Behauptungen, dass es untrügliche Beweise gibt, die die Nützlichkeit der Cannabinoide in Bezug auf die Huntington-Krankheit aufzeigen, sind sehr irreführend und es gibt definitiv keinen Beweis dafür, dass sie die Krankheit heilen oder rückgängig machen könnten. Allerdings ist es durchaus sinnvoll, daran zu denken, dass momentan einige aufregende, mögliche Medikamente auf der ganzen Welt wissenschaftlich untersucht werden, die genau für diese Effekte vielversprechend sind. Cannabinoide sind nur ein kleiner Teil des ganzen Bildes und aktuell werden große Fortschritte dabei gemacht, die Huntington-Krankheit zu verstehen und zu behandeln.

Aber was soll daran schädlich sein?

Heute gibt es noch keine Behandlungen gegen die Huntington-Krankheit, sodass manche vielleicht denken, Betroffene hätten nichts zu verlieren, wenn sie alternative Therapien ausprobieren. Aber es gibt Risiken.

Heute gibt es keine Beweise, die die Wirksamkeit von Cannabinoiden in Bezug auf die Huntington-Krankheit zeigen. Weder was die Symptome noch was den Verlauf der Krankheit angeht.

Die Natur ist voll von möglichen Heilmitteln gegen Krankheiten aller Art. Aspirin, Pencillin und auch einige Krebsmedikamente wurden aus natürlichen Quellen isoliert. Aber auch Stoffe aus Pflanzen, Pilzen, etc. können schädlich sein. Marihuana, das als Beruhigungs- oder Rauschmittel eingesetzt wird, kann auch zu Psychosen und medizinische Cannabinoide können auch zu Antriebsschwierigkeiten, Angst, Depression, Schwindel und Übelkeit führen. Es können Wechselwirkungen mit Antihistaminika und Antidepressiva auftreten. Studien in Bezug auf Multiple Sklerose haben auch ein mögliches Risiko von Epilepsie hervorgetan. Das sind keine Gründe, um die Erforschung von Cannabinoiden as mögliche Medikation gegen Huntington einzustellen, aber sie zeigen, dass wir vorsichtig sein sollten und am besten ausreichend beobachtete, klinische Studien durchführen.

Wenn sich der Nebel verzieht

Heute gibt es keine Beweise, die die Wirksamkeit von Cannabinoiden in Bezug auf die Huntington-Krankheit zeigen. Weder was die Symptome noch was den Verlauf der Krankheit angeht. Das bedeutet nicht, dass die Erfahrungen von Einzelpersonen nicht stimmen, aber es bedeutet, dass persönliche Geschichten oder Videos mit angemessener Vorsicht interpretiert werden müssen - besonders wenn die Leute, die die Behauptungen aufstellen, die gleichen Leute sind, die einen Profit aus dem “Heilmittel” schlagen können.

Die Wissenschaftsgemeinschaft hofft, dass Cannabis als wirksam und sicher genug befunden wird, um als Medikament verschrieben zu werden, aber noch gibt es nicht genügend Grundlagen, um diese Entscheidung zu treffen. Während die Forschung mit Cannabinoiden uns viel über die Biologie der Huntington-Krankheit verrät, ist sie definitiv nicht der einzige Weg, der beschritten wird. Spannende Studien an anderen Behandlungen könnten das Spielfeld in nicht allzu ferner Zukunft aufmischen. Die beste Art, gegen die Huntington-Krankheit anzukämpfen, ist wisseschaftlich fundierte Forschung, um Behandlungsmöglichkeiten zu entwicklen, die wirksam, zuverlässig und sicher sind.

Die Autoren haben keinen Interessenkonflikt offenzulegen. Weitere Informationen zu unserer Offenlegungsrichtlinie finden Sie in unseren FAQ ...